die folgen von atomkatastrophen

Den Opfern der atomaren Katastrophen eine Stimme geben:
Internationale Tagung zu den Folgen von Atomkatastrophen für Mensch und Umwelt
fukuopfer
Drei Jahre nach der atomaren Katastrophe von Fukushima und 28 nach Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl müssen die Menschen in den betroffenen Regionen nach wie vor mit den Folgen der radioaktiven Verstrahlung leben. Auf einer internationalen Tagung haben sich auf Einladung des Zentrums Ökumene der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau und der Ärzteorganisation IPPNW etwa 100 ÄrzteInnen, WissenschaftlerInnen und JournalistInnen aus Japan, Belarus, Deutschland, den USA, Frankreich, der Schweiz und Großbritannien über die Folgen der atomaren Katastrophen für Mensch und Umwelt ausgetauscht.

„Das Schockierende an der atomaren Katastrophe von Fukushima ist, dass scheinbar aus Tschernobyl nichts gelernt wurde“, erklärte eine Teilnehmerin aus der Schweiz. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Gefahren ionisierender Strahlung sind eindeutig und lange bekannt. Schon geringste Strahlendosen erhöhen nachweislich das Erkrankungsrisiko. Es gibt keinen Schwellenwert, unterhalb dessen Strahlung ungefährlich wäre. „Es ist allein eine politische Entscheidung, wie viele strahlenbedingte Erkrankungen eine Gesellschaft bereit ist zu akzeptieren“, erklärt Dr. Dörte Siedentopf, IPPNW. Es fehle der Wille, diese wissenschaftliche Bewertung des Strahlenrisikos in politische Handlung umzusetzen. Der Einfluss der Atomindustrie auf die Politik sei nach wie vor enorm groß – in Japan, aber auch international.

Die japanischen Ärzte berichteten auf der Tagung von einem beängstigendem Anstieg der Schilddrüsenkrebsfälle bei Kindern. Da nach der Atomkatastrophe keine Jodtabletten verteilt wurden, sei mit einer Zunahme der Schilddrüsenerkrankungen zu rechnen. Schilddrüsenuntersuchungen allein reichen nach Ansicht der Wissenschaftler nicht aus. Die japanische Regierung unterbindet die Untersuchungen anderer strahlenbedingter Erkrankungen. Die japanischen TeilnehmerInnen der Tagung fordern von ihrer Regierung, alle Gesundheitsdaten, die in Zusammenhang mit der Tepco-Atomkatastrophe stehen, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

„Den stärksten Eindruck machte auf mich die Hilflosigkeit der Mütter, die sehr besorgt sind um ihre Kinder und die Zukunft nachfolgender Generationen“, erklärte eine Teilnehmerin. Mütter, die sich aufgrund der Strahlung Sorgen um ihre Kinder machen, werden in Fukushima nicht ernst genommen und sozial ausgegrenzt. Um die „Sicherheit“ der Lebensmittel aus der Präfektur Fukushima zu demonstrieren, lässt man die Kinder in der Schule Produkte aus der Region essen. „Auch die gesundheitliche Überwachung der Aufräumarbeiter am Kraftwerk durch Tepco ist extrem mangelhaft“, berichtete eine Aktivistin aus Japan. Nur etwas 15 % der Arbeiter seien bei Tepco direkt angestellt. Alle anderen arbeiteten für Subunternehmen. Oft seien es Tagelöhner. Bei ihnen würden keinerlei regelmäßige Reihenuntersuchungen zur Gesundheitskontrolle durchgeführt.

Die Experten haben im Martin-Niemöller-Haus in Arnoldshain vier Tage lang ihre unterschiedlichen Erfahrungen ausgetauscht, sind miteinander ins Gespräch gekommen und haben sich vernetzt. „Wir wollten den Opfern der atomaren Katastrophe eine Stimme geben und einen Dialog ermöglichen“, erklärt der Beauftragte für Friedensbildung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Wolfgang Buff. „Die zivile und militärische Nutzung der Atomenergie war von Anfang an untrennbar verknüpft mit einer Verharmlosung, Vertuschung und Verschleierung der Folgen für Mensch und Umwelt“, kritisiert er.

„Einerseits sind wir alle unterschiedlich, aber anderseits sind wir alle gleich in dem Wunsch unsere Kinder zu schützen. Wir alle wünschen uns, dass unsere Kinder gesund und glücklich sind. Es ist sehr wichtig, dass in allen Ländern begriffen wird, dass wir alle gleich sind in unseren Emotionen, in unseren Ängsten und unseren Sorgen über die Zukunft unserer Kinder“, fasste eine Referentin aus Weißrussland ihre Eindrücke von der Tagung zusammen. Die TeilnehmerInnen waren sich einig, dass die Tagung den vielen Engagierten in Deutschland, aber auch in Weißrussland und Japan Mut gemacht hat, den mühsamen Weg der Aufklärung weiterzugehen, bis endlich auch PolitikerInnen dies einsehen und zu Veränderungen bereit sind, um nachfolgenden Generationen eine Welt ohne atomare Bedrohung zu ermöglichen. ippnw.de

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