gegen den hass – in welcher gesellschaft wollen wir leben?

„In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ Diese Frage stellen zwei Autoren, die in „ttt“ zu Wort kommen: „Gegen den Hass“ schreibt die diesjährige Preisträgerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Carolin Emcke – und Harald Welzer plädiert in seinem neuen Buch für eine „Offene Gesellschaft“. Beide fordern dazu auf, mit mehr Vehemenz für die essentiellen Grundwerte unserer pluralen Demokratie einzutreten.

„Diese Schamlosigkeit, dieser Exhibitionismus des Rassismus“
Carolin Emcke ist der Star dieser Messe. Weil sie den politischen Diskurs moralisch auflädt, mit Literatur Flagge zeigt. Sie hat ihr Buch „Gegen den Hass“ genannt. Weil sie entsetzt ist, wie sogar harmlos wirkende Menschen handeln: völlig enthemmt, mitten in einer Demokratie.

„Diese Schamlosigkeit“, so Emcke, „dieser Exhibitionismus des Rassismus, dieses Selbstbewusstsein, mit dem wirkliche Menschenverachtung jetzt neuerdings etwas ist, worauf Menschen stolz sind. Da hat sich, glaube ich, wirklich etwas verkehrt.“

„Hass braucht Raster der Wahrnehmung, in denen der Hass sich seine Opfer zurechtlegt“, analysiert Emcke. Und erinnert an Clausnitz.

Als Flüchtlinge in einem Bus eingekesselt wurden. Die Pöbler sehen nicht ihre Angst. Sie sehen gar keine Menschen. Keine Empathie, nirgendwo. Diese Gewalt, dieser Rassismus werden getarnt als „Sorge der Bürger“, schreibt Emcke.

Demonstrationsbilder. Die Teilnehmer skandieren: „Wir sind das Volk!“ Sie sind das Volk? Und wenn ja: wieviele sind sie? In der Mehrheit sind sie noch nicht, die AfDler, Reichsbürger , Dschihadisten und alle anderen unter uns, die der offenen Gesellschaft den Kampf angesagt haben. Und so unsere Demokratie gefährden.

„Für die Offene Gesellschaft“
Der Soziologe Harald Welzer hat eine Streitschrift für die Offene Gesellschaft verfasst, mit Freunden – wie dem Schriftsteller Ilya Trojanow. Und eine Initiative gleichen Namens ins Leben gerufen. Für die reist er gerade ständig durch die Republik. Welzer will den Spieß umdrehen, die unabdingbaren Werte und Grundsätze unserer Demokratie zu einem Erlebnis machen.

„Wir haben ja nun genau eine verzerrte Kommunikation“, so Welzer, „sowohl in der Politik als auch in den Medien, wo diese rechten Themen eine totale Dominanz haben, die ihnen überhaupt nicht zukommen. Weil die Themen, die dort gesetzt werden, sind nicht die Themen der Mehrheit und diese Schieflage, die wollen wir korrigieren. Also nach dem Motto: alle reden über die Rechten, wir nicht.“

Veranstaltungen bis zum Tag der Bundestagswahl organisiert die Offene Gesellschaft. Plattformen, auf denen der Bürger sich selbst wieder bewegen soll: „Die Sichtbarkeit der positiven Aktivitäten ist sehr gering“, so Welzer, „weil die jeder für sich irgendwie machen muss und es keine soziale Bewegung für Demokratie gibt und die muss es eigentlich geben und die muss es insbesondere auch geben, weil sie eine Ausstrahlungswirkung auf Europa haben müsste.“

Viel Konsens, wenig Konflikte
Kurz vor der Buchmesse, eine Debatte im Schauspiel Stuttgart. Auf der Bühne neben Welzer: der Theatergott Claus Peymann, der Stuttgarter Integrationsbeauftrage, eine Kulturschaffende. Zwei Stunden lang melden sich die Besucher zu Wort. Fazit: Viel Konsens, wenig Konflikte. Trotzdem ein Erfolg?

„Der Stuttgarter Citoyen, der nimmt sich das Recht und die Pflicht wahrzunehmen“, sagt Peymann. Und Jörg Armbruster: „Je offener desto besser, deswegen haben mir heute, ehrlich gesagt, so ein paar Rechte, Konservative gefehlt, die die Arguemente vorbringen, sodass das Publikum auch eine Chance hatte darauf einzusteigen. Es geht nicht um Hass , es geht nicht um Streit, obwohl Streitkultur nichts Schlechtes ist, es geht darum, dass die Argumente in der Öffentlichkeit artikuliert werden.“

„Sehr geehrter AfD-Wähler“
Wir müssen also argumentationsstark, argumentationssicher werden, wenn es darum geht , die Werte dieser Demokratie offensiv zu vertreten.

Stephan Hebel gibt selbst den AfD-Wähler noch nicht verloren. „Sehr geehrter AfD-Wähler, wählen Sie sich nicht unglücklich“ heißt sein Buch. Die Gründe, die hinter den „Sorgen“ stehen, die Carolin Emcke nicht anerkennt, will er ernst nehmen: „Die Verunsicherung der Menschen über prekäre Lebensverhältnisse, Stress, immer teurere Gesundheits- und Daseinsvorsorge, Privatisierung und so weiter, diese Unzufriedenheit ist berechtigt“, sagt er. „Sie hat aber mit den Flüchtlingen nichts zu tun. Sie hat vielmehr mit der Politik zu tun, die die Kanzlerin Merkel zum Beispiel seit vielen Jahren betreibt, nämlich mit einer ungerechten und einseitig wirtschaftsfreundlichen Politik. Das will ich den Leuten sagen.“

Empfohlen – als Argumentationshilfe – sei auch noch dieses „politische“ Buch: keine Neuerscheinung, leider auch kein Bestseller: Unser Grundgesetz. Wer das kennt, weiß , wer „das Volk“ ist: die Summe aller Staatsbürger, diejenigen, die Vielfalt achten, die die Würde des Menschen für unantastbar halten.

Carolin Emcke mahnt, das zu tun, was dem Hassenden abgehe: „genaues Beobachten, nicht nachlassendes Differenzieren“. Ihr Buch und Welzers Initiative sind fantastische Versuche zur Selbstermunterung der Zivilgesellschaft. quelle: daserste.de

emcke„Gegen den Hass“: Carolin Emcke, eine der wichtigsten Intellektuellen der Gegenwart, äußert sich in ihrem engagierten Essay ›Gegen den Hass‹ zu den großen Themen unserer Zeit: Rassismus, Fanatismus, Demokratiefeindlichkeit. In der zunehmend polarisierten, fragmentierten Öffentlichkeit dominiert vor allem jenes Denken, das Zweifel nur an den Positionen der anderen, aber nicht an den eigenen zulässt. Diesem dogmatischen Denken, das keine Schattierungen berücksichtigt, setzt Carolin Emcke ein Lob des Vielstimmigen, des »Unreinen« entgegen — weil so die Freiheit des Individuellen und auch Abweichenden zu schützen ist. Allein mit dem Mut, dem Hass zu widersprechen, und der Lust, die Pluralität auszuhalten und zu verhandeln, lässt sich Demokratie verwirklichen. Nur so können wir den religiösen und nationalistischen Fanatikern erfolgreich begegnen, weil Differenzierung und Genauigkeit das sind, was sie am meisten ablehnen. Für alle, die überzeugende Argumente und Denkanstöße suchen, um eine humanistische Haltung und eine offene Gesellschaft zu verteidigen.

welzer„Die offene Gesellschaft und ihre Freunde“: Harald Welzer, Andre Wilkens und Alexander Carius geben zusammen den Debatten-Band ›Die offene Gesellschaft und ihre Freunde‹ heraus. Die Frage, welches Land wir sein wollen, ist zu wichtig, um zwischen parteipolitischem Kalkül zerrieben zu werden. Wir müssen die Debatte führen: Wollen wir eine offene Gesellschaft sein, geleitet von Freiheits- und Menschenrechtsidealen, oder eine exklusive Gesellschaft, die ihre Identität vor gefühlten äußeren Bedrohungen sichert? Und wenn wir eine offene Gesellschaft sein wollen: Was sind wir bereit, dafür zu tun? Zum ersten Mal debattiert eine Gesellschaft über sich selbst und über diese Frage, analog, vor Ort.

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3 Gedanken zu „gegen den hass – in welcher gesellschaft wollen wir leben?

  1. Zu dem Hebel-Buch „Sehr geehrter AfD-Wähler, wählen Sie sich nicht unglücklich“:
    Ja. Nur befürchte ich, das gilt auch für andere Werke, dass die, die angesprochen werden, die Bücher (leider) nicht lesen werden – von einigen Ausnahmen vllt. abgesehen. Und die, die lesen, müssen (zumeist) nicht überzeugt werden.
    Aber gut, dass es die Emckes (u. a.) gibt – und dass sie schreiben.
    Grüße von der Ostsee

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  2. Hallo Einsiedler,
    wieder ein Beitrag, der die Finger in eine schwaerende Wunde legt. Ich denke, nur so geht das brandheisse Thema wirklich unter die Haut vieler Mitbürger, die wohl am liebsten keinen Blick auf die Wunde riskierten.
    Sehr gut auch, dass die Quellen ganz unabhängig sofort angeboten werden. Wer Wundmittel und Pflaster sucht, muss sich nur die Zeit zum Lesen nehmen – und sie nicht wie so oft mit sinnlosen Dingen vertun.
    Oekobeobachter

    Gefällt 1 Person

  3. Die Frage ist, jedenfalls für mich, sehr einfach zu beantworten. Ich möchte in einer aufgeschlossenen, demokratischen Gesellschaft leben. In der die Menschen, egal woher sie kommen, woher sie abstammen, welche Hautfarbe sie haben oder welchen Glauben sie haben, sich gegenseitig achten.

    Ich möchte in keiner Gesellschaft leben in der Hass, Neid, Missgunst und Rassismus herrschen.

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