protestbrief einer krankenpflegerin

die kinderkrankenpflegerin johanna uhlig schildert katastrophale zustände: „Erschöpft, verärgert und enttäuscht. Wer kann da noch ohne Angst in ein Krankenhaus gehen? Kämpfen Sie mit uns!“

Sehr geehrter Herr Spahn,

gerade komme ich aus der Nachtschicht. Ich bin erschöpft, verärgert und enttäuscht. Ich möchte Sie keinesfalls persönlich für die Misstände im Gesundheitssystem verantwortlich machen, jedoch komme ich heute nicht zur Ruhe, ohne Ihnen folgendes mitzuteilen. Aber besser von Beginn an: Mein Name ist Johanna Uhlig. Ich arbeite seit vier Jahren als Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin auf einer neonatologischen Intensivstation. Meine Arbeit verrichte ich in einem Krankenhaus der Maximalversorgung. Unser Patientenklientel sind Früh- und Neugeborene. Im Zuge meiner Weiterbildung zur pädiatrischen Intensivpflegefachkraft, arbeite ich aktuell auf einer pädiatrischen Intensivstation mit einem Patientenspektrum von null bis achtzehn Jahren. So habe ich auch Einblick in andere Fachgebiete erhalten. In der Kinderkrankenpflege ist der Personalschlüssel im Vergleich zur Kranken- und Altenpflege noch verhältnismäßig ordentlich. Trotzdem spürt man auch hier bereits den Wandel des Pflegefachkräfte-mangels. Erfahrene Kollegen kündigten, weil sie die immer schlechter werdenden Bedingungen und den drohenden Qualitätsverlust nicht mehr persönlich mittragen konnten. Es gab Kündigungen von jungen Kollegen, die sich nach einigen Monaten gar nicht erst vorstellen konnten, diese Arbeit im Dreischichtsystem fortzuführen. Selbst Auszubildende, welche die Ausbildung abgeschlossen haben, orientieren sich sofort um und treten erst gar nicht in den Berufsstand. Was mich demotiviert ist die Tatsache, dass ich die meiste Zeit überhaupt nicht das praktizieren kann, was ich ursprünglich gelernt habe: patientenorientierte, kompetente und evidenzbasierte Pflege. In einem solchen Beruf gibt es immer wieder Tage, an welchen ein Notfall den anderen jagt und man das Gefühl hat sich vierteilen zu müssen. Das ist normal. Allerdings ist es nicht normal, dass sich aktuell fast JEDER Dienst so gestaltet und man nur noch das Unerlässliche am Patienten verrichten kann. Der Pflegenotstand als solches ist relativ. Viele Personen führen die Berufsbezeichnung eines Pflegeberufes. Ihre Examensurkunde haben sie zuhause in einer Schublade liegen. Viele dieser Pflegekräfte haben den Beruf verlassen – aus Gewissensgründen, aus gesundheitlichen Gründen oder sie haben schlichtweg die Notbremse für sich selbst gezogen.

Ziel sollte daher nicht nur eine bessere Bezahlung sein. Menschen erlernen diesen Beruf möglicherweise durch finanzielle Anreize eines guten Verdienstes. Aber aus aktuellem Anlass kann ich Ihnen sagen, dass keiner meiner Kollegen geblieben wäre, selbst wenn man ihnen deutlich mehr Gehalt angeboten hätte. Die Arbeitsbedingungen müssen sich radikal ändern. Mein Partner ist besorgt, wütend und weist mich des Öfteren darauf hin, dass es nicht sein kann, dass ich während meiner gesamten Schicht weder etwas gegessen, noch getrunken habe. Aber was ihn am meisten erschreckt, ist, dass es mir häufig nicht möglich ist zur Toilette zu gehen. Das ist jedoch die Regel. Pflegekräfte machen bei ihrer persönlichen Fürsorge Abstriche, um die Pflege am Patienten auf einem möglichst guten Niveau zu halten. Nicht nur aus Fürsorgepflicht, sondern auch aus Angst etwas zu vergessen, nicht korrekt zu dokumentieren und am Ende mit einem Fuß im Gefängnis zu stehen. Wir springen ein, wenn Kollegen ausfallen. Wir verschieben Urlaub, wenn die Schichten sonst nicht besetzt werden können. Wir machen unseren Job gerne! Aber viel mehr können wir Pflegekräfte in Deutschland nicht mehr geben! Das Gesundheitssystem stürzt ein wie ein Kartenhaus. Die stationäre Versorgung ist in der Kranken- und Altenpflege zuweilen katastrophal. Während meiner Ausbildung habe ich auch Einblicke in die Altenpflege bekommen: Ältere Herrschaften melden sich zum Toilettengang, aber aus akuter Personalnot werden sie gebeten, es doch „einfach laufen zu lassen“, schließlich hätten sie ja eine Einlage. Patienten äußern Schmerzen, die Pflegekraft jedoch ist im Nachtdienst allein. Sie schafft es durch das hohe Arbeitsaufkommen nicht, zügig ein Schmerzmittel zu verabreichen. Wer kann da noch ohne Angst und mit Vertrauen als Patient in ein Krankenhaus oder Pflegeheim gehen? Herr Spahn, niemals würde ich Ihnen wünschen krank zu werden. Aber diese Zustände würden Sie wohl gar nicht am eigenen Leib erfahren, da Sie das Privileg einer Privatstation genießen.

Auch in der ambulanten Versorgung gibt es massive Engpässe. Schwangere Frauen finden kaum noch Hebammen. Auf einen Termin beim Facharzt muss man Wochenlang warten. Einen Kinderarzt muss man sich am besten schon direkt nach der Zeugung suchen. Auch hier tun die niedergelassenen Ärzte ihr Bestes: Öffnen die Praxen immer früher am Morgen, nehmen dringende Patienten trotzdem irgendwie an und bekommen am Ende noch nicht einmal alle erbrachten Leistungen vergütet!? Meine Mutter arbeitet in der ambulanten Krankenpflege in meinem Heimatdorf. Auch hier kündigen Kollegen und kaum einer bleibt bei der Stange. Die Menschen zu Hause warten auf eine Pflegekraft, die ihnen aus dem Bett hilft, die Tabletten verabreicht und bei Bedarf das Insulin spritzt. Aber was passiert, wenn eines Tages niemand mehr kommt?

Das alles sind alarmierende Signale. Die Dinge laufen aus dem Ruder!

Ab 2020 kommt dann noch die generalistische Pflegeausbildung. Für mich ist das die Kirsche auf dem Sahnehäubchen der Probleme. Natürlich ist die Regierung davon überzeugt, damit eine super Sache auf den Weg gebracht zu haben. Vor allem um die Altenpflege aufzuwerten. Gleichzeitig soll damit aber auch der Pflegenotstand bekämpft werden. Durch einen allgemeinen Abschluss als Pflegefachmann/- fachfrau kann man universell in jedem Fachbereich (Alten-/ Kranken-/ Kinderkrankenpflege) arbeiten. Ich habe drei Jahre eine Ausbildung speziell in der Kinderkrankenpflege gemacht. Niemals wäre ich in der Lage, ältere Menschen derart kompetent zu versorgen, wie ein/e examinierte Altenpfleger/in. Genauso wenig qualifiziert wäre diese Person für die Pflege meiner 500g schweren Patienten. Jedes Patientenklientel hat besondere Bedürfnisse und spezielle physiologische Gegebenheiten. Diese zu kennen ist unerlässlich! Allein mit einer einjährigen Spezialisierung innerhalb der generalistischen Pflegeausbildung ist dies nicht möglich. Niemals kann das gleiche Wissen vermittelt werden, wie in spezialisierten Ausbildungsberufen. Dies wird zu Kompetenzverlusten, Fehlern und im schlimmsten Fall zum Tod von Patienten führen. Spezialisierung ist unglaublich wichtig! Ich könnte meine Weiterbildung sonst auch einfach sein lassen. Übrigens zeigen sich Weiterbildungen in der Pflege kaum auf dem Gehaltszettel. Man investiert Zeit und Energie, um für seinen Arbeitgeber ein attraktives Aushängeschild zu sein. Letztendlich wird man auch für diese erworbenen Kompetenzen nicht entlohnt.

Als Pflegekraft verstehe ich nur einen Bruchteil der Finanzierung im Gesundheitswesen. Aber ich weiß, dass einiges in die entgegengesetzte Richtung läuft und Gelder in die falschen Töpfe fließen. Daher bitte ich Sie, Ihren Auftrag als Gesundheitsminister ernst zu nehmen! Kämpfen Sie mit uns allen für ein Gesundheitssystem, in dem Menschen verantwortungsvoll und kompetent versorgt werden können. Pflegekräfte sollten keine Angst um ihren Berufsstand haben müssen!

Kinder sind die Zukunft unserer Gesellschaft – sie verdienen menschenwürdige Pflege.

Ältere Menschen haben in ihrem Leben viel für unsere Gesellschaft geleistet – sie verdienen menschenwürdige Pflege.

Pflegekräfte tragen enorm viel zu einer funktionierenden Gesellschaft bei – sie verdienen menschenwürdige Arbeitsbedingungen.

Freundliche Grüße,
Johanna Uhlig

DIE ANTWORT VON GESUNDHEITSMINISTER JENS SPAHN

16 Gedanken zu „protestbrief einer krankenpflegerin

  1. Hat dies auf Come Together rebloggt und kommentierte:
    Ein Brief der unbedingt Verbreitung finden muss. Das Schweigen über die Zustände im Gesundheitswesen MUSS gebrochen werden. Immer und immer wieder!!!Für uns als Patienten, jedoch auch für alle diejenigen die im Gesundheitswesen tätig sind und die uns tagtäglich ihre Unterstützung zuteil werden lassen. Wir müssen das Schweigen brechen, damit Versprechen nicht nur Versprechen bleiben, sondern auch in die Tat umgesetzt werden. Vielen Dank für diesen tollen Brief!!!!!

    Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: protestbrief einer krankenpflegerin — campogeno – romanticker-carolinecaspar-autorenblog.com

  3. Dem stimme ich uneingeschränkt zu.
    Auch wenn ich nicht „in der Pflege“ sondern „nur“ in der „Betreuung“ tätig war.
    Wie oft bin ich
    – auf „eigenes Ermessen“ und nicht abrechenbar als „Überstunden“!!! – mit mahnender, aber verständnisvoller Erlaubnis nach Absprache mit der WBS und meiner Vorgesetzten –
    morgens schon eher hingegangen, um den Pflegekräften beim Transport der Bewohner in Rollstühlen zum Frühstück oder direkt am Bett beim Anreichen des Frühstücks… zu helfen.

    Wie oft habe ich NICHT geklingelt, wenn ein/e von mir „einzelbetreute/r“ Bewohner/in den Wunsch äußerte, zur Toliette begleitet und dort beim Ausziehen der Hosen ein wenig Unterstützung zu bekommen … es einfach so gemacht wie mir mein sozial-empathischer Instinkt es – gott sei dank immer fehler-/unfallfrei! – mir mitteilte.

    Die Dame hat völlig recht. Spezialisierung ist heutzutage kein „Sonderstatus! mehr!
    Eine Art „Grundausbildung“ für Pflege für ein Jahr okay. Zu schauen ob das überhaupt passt. Manchmal gehen Auszubildende ja auch immern och mit viel Enthusiasmus und der „rosaroten Brille“ ins Berufsleben… oder werden darein manövriert… Dann aber die zwingend notwendige Ausrichtung auf die „gewünschte“ Richtung der Pflege.
    Danke für den Brief und meine absolute Hochachtung für diese Berufsethik!

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  4. Diese Entwicklung ist wohl leider überall im Gange. Am Ende bekommen dann wieder nur die Wohlhabenden eine gute Pflege, weil sie sich private Krankenhäuser und Pflegedienste leisten können.
    Es wäre ja schon hilfreich, wenn die Lebensmittel- und Medizinalindustrie die Leute nicht mehr systematisch vergiften dürften. Aber dann geht ja ein Teil ihres Profits flöten. Eigentlich sollte man sie verpflichten einen monatlaichen Krankenpflegebeitrag zu leisten.

    Gefällt 4 Personen

    • Dem stimme ich uneingeschränkt zu.
      Auch wenn ich nicht „in der Pflege“ sondern „nur“ in der „Betreuung“ tätig war.
      Wie oft bin ich
      – auf „eigenes Ermessen“ und nicht abrechenbar als „Überstunden“!!! – mit mahnender, aber verständnisvoller Erlaubnis nach Absprache mit der WBS und meiner Vorgesetzten –
      morgens schon eher hingegangen, um den Pflegekräften beim Transport der Bewohner in Rollstühlen zum Frühstück oder direkt am Bett beim Anreichen des Frühstücks… zu helfen.

      Wie oft habe ich NICHT geklingelt, wenn ein/e von mir „einzelbetreute/r“ Bewohner/in den Wunsch äußerte, zur Toliette begleitet und dort beim Ausziehen der Hosen ein wenig Unterstützung zu bekommen … es einfach so gemacht wie mir mein sozial-empathischer Instinkt es – gott sei dank immer fehler-/unfallfrei! – mir mitteilte.

      Die Dame hat völlig recht. Spezialisierung ist heutzutage kein „Sonderstatus! mehr!
      Eine Art „Grundausbildung“ für Pflege für ein Jahr okay. Zu schauen ob das überhaupt passt. Manchmal gehen Auszubildende ja auch immern och mit viel Enthusiasmus und der „rosaroten Brille“ ins Berufsleben… oder werden darein manövriert… Dann aber die zwingend notwendige Ausrichtung auf die „gewünschte“ Richtung der Pflege.
      Danke für den Brief und meine absolute Hochachtung für diese Berufsethik!

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    • Eine Privatklinik ist doch nicht automatisch besser. Ich kenne jemanden, der in einer solchen Klinik als Chirurg tätig war. In den Arbeitsverträgen steht dann, das pro Monat eine bestimmte Anzahl Operationen zu leisten sind. Was dazu führt, das auch mal operiert wird, wenn es noch nicht nötig wäre. Toll!

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