mafia in deutschland 1/4 – revier der paten

Revier der Paten und Provinz der Bosse: Die italienische Mafia ist in Mittel-deutschland aktiv wie nie. Die Organisierte Kriminalität hat sich auch in Thüringen ausgebreitet. Mafia-Strukturen sind vor allem in Erfurt aktiv. Die MDR-Journalisten Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia haben gemeinsam mit ihrem deutsch-italienischen Kollegen Fabio Ghelli im Milieu des organisierten Verbrechens recherchiert und sind den Spuren der italienischen `Ndrangheta und armenischer Mafia nachgegangen.
Nach dem sechsfachen Mafia-Mord in Duisburg 2007 ist es ruhig geworden um die Mafia. Doch die italienische Mafia ist aktiv wie nie. Das belegen die Recherchen der letzten drei Jahre von MDR THÜRINGEN für Exakt-Die Story.

Von Mitteldeutschland aus operieren Clans völlig unauffällig – europaweit. Doch die italienische organisierte Kriminalität ist nicht das einzige Problem, das Bundeskriminalamt und die Landeskriminalämter von fünf Bundesländern mit Sorgen erfüllt: Clans der russisch-eurasischen organisierten Kriminalität agieren bundesweit – Zentrum ist Mitteldeutschland. Exklusive Videoaufnahmen belegen die Brutalität der armenischen Banden.

Mafia-Stützpunkt Thüringen:

„Erfurter Gruppe“ organisiert die ‚Ndrangheta-Geld- wäsche. Für die italienische Mafia-Organisation `Ndrangheta ist Erfurt kein Rückzugsraum mehr, sondern ein Operationsraum geworden. Die italienische Anti-Mafia-Behörde DIA und das Bundeskriminalamt sehen hier einen grundlegenden Wandel. Denn nach Recherchen von MDR THÜRINGEN besteht der Verdacht, dass über Erfurt weite Teile der deutschen Finanzgeschäfte der `Ndrangheta organisiert werden.

Rom ist ein wunderschöner Ort zum Essen. Nicht nur für Touristen, sondern auch für die Römer selber. Sie kennen und lieben ihre Stammlokale. Eines dieser Edel-Restaurants in der wunderschönen Innenstadt war früher eine der bekanntesten Adressen für Gourmets. Inmitten schmucker Häuser, gelegen an einem der malerischen Plätze der italienischen Hauptstadt, dinierten Schauspieler, Politiker und Intellektuelle. Dann, 2010, schloss es und blieb vier Jahre verwaist – trotz bester Lage.

2014 öffnete es plötzlich wieder seine Türen. Doch diesmal war etwas anders: Es hatte neue Besitzer. Sie kamen nicht aus Rom, sie kamen aus Erfurt. Italienische Geschäftsleute, seit Jahren in Thüringen zu Hause, investierten Geld in millionenteure römische Restaurants. Denn außer diesem Luxus-Gourmettempel kauften sie ein Café an der Piazza Venezia und ein weiteres Restaurant in idyllischer Lage nahe dem Olympiastadion. Rund 15 Millionen Euro flossen in den Kauf der drei Läden – allein in den vergangenen zwei Jahren.

Früherer Verdacht nicht zu beweisen gewesen

Dieses Geld und seine Investoren sind nach Informationen von MDR THÜRINGEN für die italienischen Behörden von Interesse. Denn schon einmal hat in etwa der gleiche Erfurter Personenkreis ein millionenteures Restaurant in Rom gekauft: Das „Alla Rampa“ in der Nähe der Spanischen Treppe. Das war 2006 und damals glaubten die Fahnder in Italien: Das Geld stamme aus den Drogenkassen der kalabrischen Mafia-Organisation ‚Ndrangheta. Diese Vermutung gründete sich auch auf den Verbindungen nach Erfurt. Denn es besteht der Verdacht, dass die Investoren, im wahren Leben angeblich bescheidene italienische Restaurantbesitzer in Erfurt, zum Umfeld der mächtigen ‚Ndrangheta gehören. Doch trotz eines aufwändigen Prozesses konnte das nie bewiesen werden. Auch eine Geldtransaktion für den Kauf des „Alla Rampa“ von 1,3 Millionen Euro über dubiose Bankverbindungen im Steuerparadies San Marino wurde nicht restlos geklärt – nachzulesen in italienischen Ermittlungsunterlagen, die MDR THÜRINGEN vorliegen.

Wer sind die Rom-Investoren aus Erfurt?

Doch mit dem aktuellen Kauf der drei neuen Restaurants kommt für die Ermittler wieder Bewegung in die Sache. Die Direzione Investigativa Antimafia (DIA), die italienische Anti-Mafia-Behörde, hat ein Auge darauf geworfen. Denn es scheint das gleiche Muster wie damals beim Kauf des „Alla Rampa“. Wieder stammt das Geld aus Erfurt und das wirft die Frage auf: Wer sind diese Investoren? Seit einigen Jahren gehen DIA-Fahnder davon aus, dass sich innerhalb der Auslandsaktivitäten der kalabrischen Mafia `Ndrangheta eine sogenannte „Erfurter Gruppe“ gebildet hat. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN gehören sechs Männer zum harten Kern. Mehr als zwei Dutzend sind zum Umfeld zu rechnen. In alle vier Restaurants in Rom sollen sie rund 20 Millionen Euro investiert haben – soweit bisher bekannt. Laut den italienischen Fahndern und auch nach Informationen des Bundeskriminalamtes soll die „Erfurter Gruppe“ offenbar Kontakte zum `Ndrangheta-Clan der Pelle-Romeo pflegen.

Immer wieder führen Spuren nach Erfurt

Diese Auslandsinvestitionen, zu denen auch drei Lokale in Lissabon gehören, sind besonders für die italienischen Fahnder von enormem Interesse. Denn nach Recherchen von MDR THÜRINGEN besteht nicht nur der Verdacht, dass das Geld aus dunklen Quellen stammt, sondern dass über Erfurt diese mutmaßlichen Geldwäsche-Operationen organisiert werden. Sowohl für die DIA als auch das BKA ist Erfurt nicht mehr, wie immer behauptet, Ruhezone, sondern ein Operationsraum. Das gründet sich auch darauf, dass es weitere Investitionen in Deutschland gibt. So findet sich ein ganzes Netzwerk von rund 20 Firmen und 30 Restaurants. Dazu gehören Städte wie Leipzig, Dresden, Baden-Baden, Kassel oder München. Immer wieder finden sich Spuren in internen Geschäftsunterlagen, die über Beteiligungen und Querverbindungen nach Erfurt führen. Die gesamten Investitionen in diese Struktur sollen sich auf rund 100 Millionen Euro belaufen.

Der rasante Aufstieg des heutigen Erfurter Gastro-Imperiums wurde durchgehend von Ermittlern in Italien und in Deutschland verfolgt. Bereits in den 1980er-Jahren standen zwei Mitglieder der Gruppe im Fokus von Anti-Mafia Fahndern. Dabei handelt es sich um zwei gleichnamigen Cousins aus dem kalabrischen Dorf San Luca, die mit einem der mächtigsten Mafia-Bosse Kalabriens verwandt sind und früher in Duisburg aktiv waren.

Jüngere auf dem Vormarsch

Hier sollen sie Ende der 80er-Jahre die Bekanntschaft eines Gastronomen aus der Toskana gemacht haben, mit dem sie einige Jahre später eines der ersten italienischen Restaurants in Erfurt eröffneten. Der Toskaner war zu diesem Zeitpunkt auch dem deutschen Bundeskriminalamt bekannt: Wegen Drogenhandels wurde er 1996 in Duisburg zu einem Jahr Haft verurteilt. Um diesen Personenkreis soll sich die „Erfurter Gruppe“ gebildet haben. Hinzu sollen auch die Mitglieder zweier sizilianischen Familien gekommen sein, die bereits Anfang der 90er-Jahre nach Thüringen kamen. Auch ein talentierter Investor aus der italienischen Region Marche, der mehrere Lokale in der Nähe von Rimini besitzt, soll zur „Erfurter Gruppe“ gehören. Im Lauf der Jahre stießen weitere, jüngere Mitglieder dazu, die meisten von ihnen aus San Luca und Umgebung. Inzwischen sollen sie die Führung der „Erfurter Gruppe“ übernommen und die Investitionen in den vergangenen zwei Jahren vorangetrieben haben.

Unter den Augen von Ermittlern

Obwohl sie ständig im Visier der deutschen und italienischen Polizei standen, konnten die Mitglieder der Gruppe ihre Geschäfte unbehelligt ausbauen. Nur einmal schien die Luft um die Erfurter Gastronomen dünn zu werden. Als im Jahr 2007 Killer aus San Luca sechs Menschen vor dem Restaurant „Da Bruno“ in Duisburg ermordeten, führte eine Spur nach Thüringen: Das Restaurant, vor dem das Massaker stattgefunden hatte, gehörte früher einem prominenten Mitglied der „Erfurter Gruppe“. Die Killer von Duisburg wurden festgenommen und verurteilt, doch die grundlegende kriminelle Struktur blieb unberührt: Die Beziehungen zwischen der „Erfurter Gruppe“ und dem sechsfachen Mord wurden nie aufgeklärt.

Die MDR THÜRINGEN-Journalisten Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia haben gemeinsam mit ihrem deutsch-italienischen Kollegen Fabio Ghelli im Milieu des organisierten Verbrechens recherchiert. Sie sprachen mit BKA- und LKA-Ermittlern, analysierten Handelsregister und Lageberichte, fragten in Italien bei der Direzione Investigativa Antimafia (DIA) nach und filmten in Kalabrien. Unübersehbar waren dort die Verbindungen nach Thüringen und Sachsen.

Für die italienischen Ermittler steht fest: Die sogenannte „Erfurter Gruppe“ spielt eine wichtige Rolle in den Geldgeschäften der kalabrischen `Ndrangheta.
quelle: mdr-exakt-die-story

mafia in deutschland 1/4 – revier der paten
mafia in deutschland 2/4 – organisierte kriminalität
mafia in deutschland 3/4 – die erfurter clans
mafia in deutschland 4/4 – die ’ndrangheta in erfurt

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