kein kapitalismus ist auch keine lösung

Sie glauben immer noch daran, dass die Märkte sich selber regulieren – bis am Ende nur ganz Wenige superreich und ganz Viele superarm sind, sagt Ulrike Herrmann über die neoliberalen Wirtschaftstheoretiker. Aber langsam: Auch Ulrike Herrmann verehrt den Kapitalismus.

Kein Blick auf‘s große Ganze?
„Der Kapitalismus ist ein unglaublich faszinierendes System“, sagt sie, „es ist ja das erste soziale System, das die Menschheit erfunden hat, das dynamisch ist. Nie vorher, nirgendwo in der Weltgeschichte gab es Wachstum. Das ist interessant. Mein Vorwurf ist, dass die heutige Wirtschaftswissenschaft sich mit dem Kapitalismus, so wie er existiert, gar nicht beschäftigt.“

Kann das sein? Kein Blick auf‘s große Ganze? Zockende Investmentbanken, deregulierte Finanzmärkte? Nein, sagt Ulrike Herrmann in ihrem Buch. Die Marktfundamentalisten, die einflussreich unsere Politiker beraten und die herrschende Meinung prägen, halten die Gesetze des radikalen Kapitalismus für Naturgesetze.

„Wenn man nämlich so tut, als wäre das hier eine Naturwissenschaft – dieser Kapitalismus würde funktionieren wie die Physik, dann ist ganz klar, dass Löhne immer gerecht sind, dass Gewinne immer gerecht sind“, sagt sie. „Es ist gerecht, dass die Reichen reich sind, es ist gerecht, dass die Armen arm sind, das heißt, man kommt nicht in die Machtfrage. Man ist weg von der Politik.“

„Derivate offensichtlich überflüssig“
Weg von den Interessen, die die Wirtschaftsprozesse leiten. Vor allem weg von einer sozialen Marktwirtschaft, in der die Politik die Wirtschaft regulieren müsste. Demokratie braucht Regeln, nur für die Finanzmärkte gibt es so gut wie keine. Eine globale Superblase hat sich gebildet, die sieben Mal größer ist als die komplette Wirtschaft.

„Wenn man sich nämlich alle Derivate ansieht“, so Herrmann, „dann sieht man, dass jedes Jahr spekulative Wettgeschäfte in einem Volumen von 500 Billionen, nicht Milliarden, Dollar abgeschlossen werden. Obwohl gleichzeitig die Weltwirtschaft pro Jahr nur 73 Billionen Dollar an Waren und Dienstleistungen erzeugt. Das heißt, wenn man sich das Gesamt-Aggregat anschaut, sieht man sofort, dass diese ganzen Derivate offensichtlich überflüssig sind und nur der Spekulation dienen und verheerende Schäden anrichten.“

Keynes, Marx und Smith
Schäden in der realen Wirtschaft. Arbeitslosigkeit in Südeuropa, niedrige Zinsen bei uns. Ulrike Herrmann rät, die drei Großen ihrer Disziplin zu befragen: John Maynard Keynes, Karl Marx und Adam Smith. Keine Alten Hüte, sagt sie. Im Gegenteil, sie lieferten die zentralen Erkenntnisse der aktuellen Wirtschaftsprozesse: „Alle drei haben sich die Realität angeguckt und haben die Ökonomie als eine Gesellschaftswissenschaft betrachtet, also wollten wissen, das war die Kernfrage: ‚Wann wird eigentlich warum investiert und wieso kommt es zu Wachstum und warum wird Technik eingesetzt?‘ Nur dann muss man sich ja ganz real mit dem Menschen und mit Machtfragen befassen.“

Verdienen am Schulden machen
Die EZB zumindest ist wieder bei Keynes. Sie lässt Milliarden regnen, trotzdem wird nicht investiert. Immer noch wird mit Geld mehr Geld verdient als mit echten Investitionen. Zu viele Menschen in Europa haben zu wenig Geld, deshalb erwarten die Unternehmer keine Gewinne. Schon Keynes forderte für diesen Fall ein Investitionsprogramm des Staates.

„Wenn ich dazu noch was sagen darf“, bittet Herrmann. „Also die Zinsen für deutsche Staatsanleihen, die zehn Jahre laufen, sind im Augenblick negativ, das heißt, der deutsche Staat kriegt sogar noch Geld geschenkt, wenn er Kredite aufnimmt, und das ist das Signal der Finanzmärkte, dass sie unbedingt wollen, dass der deutsche Staat Schulden macht. Und diese Signal sollte Herr Schäuble durchaus ernst nehmen.“

Macht der Großkonzerne beschränken
Vor allem, wenn er will, dass die Ungleichheit nicht weiter wächst. Doch selbst zur Rolle von Großkonzernen wie Google oder Amazon hört Ulrike Herrmann von Mainstream-Ökonomen zu wenig: „Wenn einfach klar ist, dass der Kapitalismus so funktioniert, dass am Ende Großkonzerne übrig bleiben, dann muss man deren Macht im Interesse aller beschränken.“

Im Interesse aller, die nicht wollen, dass der Kapitalismus die Demokratie gegen die Wand fährt, die ihn reformieren wollen – hin zu einer neuen sozialen Marktwirtschaft – denn kein Kapitalismus ist ja, wie gesagt, auch keine Lösung. quelle: daserste.de

Ulrike Herrmann - Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung„Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“: »Die herrschende ökonomische Lehre bildet nicht die Realität ab. Bereits bei Smith, Marx und Keynes hingegen findet sich fast alles, um unser Wirtschaftssystemzu verstehen.« Warum kommt es zu Finanzkrisen? Warum sind die Reichen reich und die Armen arm? Wie funktioniert Geld? Woher kommt das Wachstum? Schon Kinder stellen diese Fragen – aber die Ökonomen können sie nicht beantworten. Viele basteln an theoretischen Modellen, die mit der Realität nichts zu tun haben. Leider kosten die Irrtümer der Ökonomen nicht nur Milliarden, sondern sogar Menschenleben. Wer verstehen will, was falsch läuft, muss die Klassiker kennen: Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes. Sie werden an den Universitäten kaum, falsch oder gar nicht mehr gelehrt. Dabei haben diese drei Theoretiker die besten Antworten gegeben. Man muss sie neu entdecken.

Ein Gedanke zu „kein kapitalismus ist auch keine lösung

  1. Hm. Über diesen Titel bin ich auch schon mehrfach gestolpert, habe ich bis heute aber zu ignorieren versucht.

    Also — die Zusammenfassung und auch der Buchtitel wecken meinen instinktiven Widerspruch. Leider bin ich mit ökonomischer Theorie nicht sehr vertraut, um ihre Thesen fundiert zu widerlegen.

    Aber – habe ich das richtig verstanden, dass auch sie an „Wachstum“ glaubt?

    Glaubt sie wirklich, dass man den Kapitalismus „sozial“ gestalten und zähmen kann? Nach meiner inneren Überzeugung liegt es im Wesen des Kapitalismus, dass er gar nicht sozial sein KANN – wobei ich dieses „Gefühl“ gerade und in diesem Rahmen und in Länge eines Kommentarbeitrags nicht belegen kann – vielleicht an anderer Stelle.

    Ernstgemeinte Frage – hast Du das Buch gelesen? Kannst Du mit ihren Thesen etwas anfangen oder hast Du den Beitrag nur gepostet, um unseren Widerspruch und unsere Gehirnwindungen zur Arbeit anzureizen. Das hättest Du dann geschafft 😉

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