fotzenfenderschweine – frauen wie katzen, männer wie hunde

Wir sind alle Feministinnen – rein theoretisch: „Fotzenfenderschweine“ von der verstorbenen Musikerin Almut Klotz ist ein Liebesroman und ein Buch über Selbstauflösung. Von Andrea-Hanna Hünniger (Zeit-Online)

almut-klotzVor kurzem erschien in einer großen deutschen Tageszeitung eine Art Warnung vor diesem Buch. Ekliger Titel, sowas gehöre sich nicht. „Eine abscheuliche Wortkombination“ sei der Titel, wobei egal sei, wer die Autorin ist und um was es ginge. Unter dem Gesichtspunkt könnten wir jetzt anfangen über viele Titel zu sprechen, zum Beispiel Mein Kampf. Sollte man dem Titel nicht den ekelhaften Heroismus nehmen? Vorschlag: „Sein Kampf“ oder „Sein böser Kampf“ oder ganz pfiffig „Grundlagen eines Zerstörungs-krieges“. Da wurde vielleicht eine Chance vertan.

Der Titel des Buches, um das es hier gehen soll, lautet Fotzenfenderschweine. Und beim Wort Fotze muss man halt sofort auch Ekel sagen und Verbot.

Der Verleger Jörg Sundermeier postete auf Facebook, es werde kein Titel gegen den Willen einer geschätzten, verstorbenen Autorin geändert. Fun Fact: Fender sind die mit Luft gefüllten kugelförmigen Polster, die zum Schutz des Rumpfes eines Schiffes während der Fahrt zwischen Kaimauer und Yacht gehängt werden. Diese Fender fliegen zum Ärger der Besatzung ständig hin und her. Und deshalb setzte sich in der Seefahrt der Ausspruch Fotzenfenderschweine als eine Art Beleidigung für die Fender irgendwie durch. Und diese Beleidigung habe ihr Freund, um den es in dem Buch geht, öfter benutzt.

Hammond-Orgler mit pastoralem Auftreten

Die Autorin von Fotzenfenderschweine ist Almut Klotz, Mitgründerin der Lassie Singers, einer Indie-Pop-Band, die sich nach zehn Jahren 1998 wieder auflösten. Hier ungefähr setzt die Erzählung eigentlich erst ein. Nachdem wir erfahren, dass Klotz aus Süddeutschland nach Hamburg gekommen ist, dort in einem Nachtclub auf der Reeperbahn arbeitet, aber bald weiterzog nach Berlin, um das Künstlerdasein in den sagenumwobenen Berliner neunziger Jahren auszuschöpfen. Es ist eine sehr große Qualität dieses Buches, dass diese Zeit, die inzwischen als Folklore ins kollektive Gedächtnis eingesickert ist, zu überspringen. Es kommen kaum Weggefährten vor noch Songtitel, und wenn doch, in homöopathischen Dosen.

Sie, die erfolgreiche Musikerin, bekennt sich eher dazu, ganz schön wenig zu kennen und als DJ immer nur bestimmte Nummern auf den CDs abgespielt zu haben, allerdings keine Ahnung gehabt zu haben, was es war. Manche Band heißt auch nur noch XXX, das Buch ist eilig geschrieben. Das XXX ist häufig ein Platzhalter für Namen, Orte, Katzen. Ihr Sohn taucht immer als „mein Sohn“ auf, erst später bekommt er einen Namen.

Der Hund vom Reverend heißt von Anfang an Luzie. Klotz erzählt in diesem Buch die Liebesbeziehung zu ihm, zu Christian Dabeler, einen Hammond-Orgler aus Hamburg mit pastoralem Auftreten. Typ Welterklärer mit pseudooriginellen Thesen, der an Astrologie glaubt und selbstheilende Kräfte und sich als den wahren Außenseiter der Welt begreift – der Rest besteht aus „Mainstream“ und „Pharmalobby“. Er lässt keine Gelegenheit aus, sich bis aufs Blut mit Klotz zu streiten (sie sei ja so Mainstream usw.), dramatische Szenen zu inszenieren und Sätze zu sagen wie: „Frauen habens gut. Die müssen im Zweifel nur sein.“ Es tut richtig weh beim Lesen. Vor allem, weil man auch als Kind einer anderen Generation das Gefühl hat, diese ganzen aufständischen, aber vollends inkonsequenten Parolen schon hundertmal, schon vor dem Krieg quasi, gehört zu haben glaubt. Ein Distinktionswahnsinn einer Welt, von der gleichzeitig eine große Faszination ausgeht. Und die hat man der Autorin zu verdanken. Wie gesagt, es sind die Nullerjahre von Berlin.

Besoffene Nächte

Aber darum geht es eigentlich nicht. Was sie hier macht, ist nämlich ziemlich raffiniert. Es ist eine große Liebe, die Almut Klotz erzählt und dabei nicht verklärt. Sie hat einen Background. Zwei Künstler arbeiten sich aneinander ab, aber auch ein Mann an einer Frau und umgekehrt. Am Anfang wehrt sie sich noch gegen die pseudoprovokanten Thesen von Reverend („Der ganze Mist hat doch mit der Aufklärung überhaupt begonnen“), je weiter die Handlung voranschreitet, desto öfter hört man jedoch von ihr immer wieder, wie ein göttliches Mantra: „Warum eigentlich nicht?“ Und: „Da hatte er auch wieder recht.“

Nächte verbringen sie besoffen mit Streitereien, kleinen Kriegen. Aber sie sind unzertrennlich und arbeiten gemeinsam an Texten, veranstalten Lesungen. Dann heißt es oft: Lesung mit Almut Klotz mit Begleitung von Reverend Christian Dabeler. Der rastet bei sowas selbstverständlich erst richtig aus. Als beide gemeinsam an einem Hörspiel über das Zugfahren schreiben und an Radiosender rausschicken, erhalten sie auch diese Antwort: „Schon vier Tage später meldete sich das Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein. Ob wir als Eisenbahnfans eine Rohrpatenschaft für die Dampflok Susi übernehmen wollten.“ Dass die Absagen ausschließlich an sie adressiert sind, macht ihn wieder wild. Er sei eben der ewige Außenseiter. Ihre Erfolge sind für ihn irgendwie eine Erniedrigung. Kurioserweise sogar selbst Absagen, die sie erhält. Sie beruhigt ihn. Will ihn nicht aufregen.

„Basisfeministin“

Warum macht sie das? Sie erzählt bewusst auch ein wenig von einer Selbstauflösung. Die taz nannte Almut Klotz in einem Nachruf vor drei Jahren „Basisfeministin“. Sie besang und textete gegen Kitsch und veraltete Frauenbilder. Ihr Leben bestand darin, frei und selbstständig zu sein. Und doch liest man solche Sätze: „Aber tatsächlich mögen die meisten Frauen lieber Katzen und Männer lieber Hunde. Weil Frauen wie Katzen sind. Weil Männer nämlich wie Hunde sind.“ Das ist nicht nur dem unvollendeten Manuskript geschuldet, es ist ein Buch der Stunde, es hält uns allen einen Spiegel vor. Die Autorin deckt ein Frauenbild auf, das nach wie vor existiert: Wir sind natürlich alle Feministinnen – aber eher so in der Theorie.

Klotz begann das Buch einige Monate vor ihrem Tod zu schreiben und konnte es nicht mehr beenden. Reverend, inzwischen ihr Ehemann, fand das Manuskript, las es und übergab es ohne ein Komma zu ändern dem Verbrecherverlag. Es geht in dem Buch weiß Gott nicht darum, eine literarische Aufarbeitung einer Zeit vorzunehmen. Es ist ein Werk aus einer Schublade, die einen starken Sog entwickelt. Man liest es, weil es so unfertig ist, mit allergrößtem voyeuristischen Interesse. Man muss so oft lachen, über die beschriebene Hilflosigkeit. Dieses Buch macht Spaß. Immer auch dann, wenn Reverend die Welt großflächig erklärt und sich plötzlich herausstellt, dass er insgeheim Loriot mag. Es ist ein Künstlerpaar, das über zehn Jahre darum kämpft, einen Konsens zu finden. Und irgendwann hat man’s verstanden: Beide wollten, dass der andere gewinnt.

Übrigens macht man mit dem Titel ziemlich viele neue Bekanntschaften. Besonders im Urlaub am Strand. quelle: zeit.de
Almut Klotz: Fotzenfenderschweine. Verbrecher Verlag, Berlin 2016, 144 Seiten, 19 Euro

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