hippie-invasion hier in andalusien

Teilzeit-Aussteiger, die Parasiten im Paradies. Hippie-Invasion in Andalusien: Sie leben im Einklang mit der Natur und im Zwist mit der Bevölkerung
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Kathy legt ihren Jackie-Collins-Roman über geschiedene Frauen zur Seite und schüttelt den Kopf. «Wir sind keine Hippies. Die stinken. In Beneficio hat es welche.» Ein kahlgeschorener 12-Jähriger schreit: «Die dort oben sind widerlich. Sie leben nackt und klettern in den Bäumen herum. Nur die Kinder tragen Kleider.» Warum? «Weil sie intelligenter sind als die Erwachsenen.»

Kathy wohnt in der andalusischen Berggemeinde Orgiva, in einer Falte dieser Landschaft, welche die Einheimischen das Tal der Hippies getauft haben. Je nach Jahreszeit leben hier in drei Camps mehr als tausend Zivilisationsflüchtlinge aus dem Norden, die das verlorene Paradies suchen und mit alternativen Lebensformen experimentieren. Die Mehrzahl der dreitausend Bewohner von Orgiva, einem Dorf, in dem alte Frauen schwarz gekleidet auf die Strasse gehen, wären erleichtert, wenn die ungebetenen Gäste wieder verschwänden.
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Eines der Camps, el Morreón, liegt unten am Fluss, eine Ansammlung von verrosteten Bussen, Wohnmobilen und ein paar Steinhütten, in denen vor allem Briten und Deutsche überwintern. Einige haben den steinigen Boden vor Jahren gekauft. Müll liegt herum; es gibt schönere Flecken in der Region. Warum lebt ihr hier ohne Strom und fliessendes Wasser? Jessy, die gerade sechzehn geworden ist, blickt gelangweilt aus dem Fenster: «Hast du schon einmal einen verregneten englischen Winter erlebt?» Mit ihrer Stiefmutter wohnt sie seit sieben Jahren hier. Jessy ist eines der seltenen Beispiele für gelungene Integration. Sie besucht in Orgiva die Schule, geht am Samstag mit der Dorfjugend in die Diskothek. Sonst haben sich die beiden Gemeinschaften nicht viel zu sagen. Der Dorflehrer bot vor einem Jahr einen Sprachkurs an, musste ihn aber nach wenigen Wochen beenden. Warum Spanisch lernen, wenn im Camp alle Englisch sprechen?

Jessy und Kathy teilen sich ihr Haus auf Rädern, den Musikgeschmack und den roten Nagellack für die Zehennägel. Das Leben im Wohnwagen erinnert an ein Flüchtlingslager. Am Abend lesen sie im Licht einer Gaslampe, waschen sich mit kaltem Wasser an einem Brunnen und verrichten ihre Notdurft auf einer Latrine. Mit den Einheimischen möchten die beiden dennoch nicht tauschen.
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Jeden Frühling findet im Flussbett ein Fest statt, das sieben Tage und sieben Nächte dauert – sehr zum Unmut der Nachbarschaft. Die Einheimischen haben Unterschriften gesammelt, um das Fest dieses Jahr zu verhindern. Unten am Fluss versucht eine Patrouille der Guardia Civil, die ersten Ankömmlinge abzuwimmeln. Der Kommandant sagt: «1972 brach ein Gewitter los, und der Fluss riss ein Dorf mit.» Doch die Reisenden, die oft tagelang zur Party unterwegs sind, lassen sich von ein paar Beamten nicht aufhalten. «Letztes Jahr haben hier 10.000 Leute abgetanzt», erzählt Rob, der bereits mit Hund und grünem Bus Stellung bezogen hat. Die Szene organisiert sich übers Internet, Flyers und Mundpropaganda.

Der 28-jährige Rob ist seit sieben Jahren unterwegs. England bezeichnet er als «faschistisch», weil die Regierung den Nomaden auf Rädern seit Mitte der neunziger Jahre das Leben schwer macht. Deshalb ist die einige tausend Fahrzeuge zählende Gemeinde der britischen Travellers vorwiegend auf dem Festland unterwegs. Sie nennen sich «Reisende». Hippies ist für sie ein Schimpfwort, Freiheit hingegen die oberste Maxime. Kompromisse mit der Gesellschaft werden umfahren. Wem es irgendwo zu eng wird, der rollt weiter. Eine gemeinsame Ideologie gibt es nicht. Zerrissene Jeans, Rasta-Haare, Birkenstock-Sandalen. Oberstes Ziel: mit wenig Arbeit möglichst weit zu kommen.
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Nachdem Rob von der Kunstgewerbeschule abgegangen war, jobbte er einige Monate, kaufte sich einen alten Bus, baute ihn um und spart seither, wie er sagt, Zeit und Energie. Er zahlt keine Steuern, keine Miete, keine Gebühren für Wasser, Strom und Abfall. Mit Gelegenheitsjobs etwa während der Weinernte in Frankreich hält er sich über Wasser. «Ich lebe mit dreissig Euro pro Woche. Dazu kommt der Diesel für mein Fahrzeug.»

An solchen Gästen findet Bürgermeister Don Adolfo überhaupt keinen Gefallen. Er wünscht sich betuchtere Touristen und schimpft: «Diese Leute sind Hippies, gewalttätig und dreckig. Sie halten sich nicht an die Gesetze, schicken ihre Kinder nicht zur Schule und zahlen keine Steuern. Sie bringen Hautkrankheiten und Hepatitis ins Dorf.» Seit Monaten steht der Bürgermeister und Tierarzt unter Beschuss. Besorgte Bürger wollen die langhaarigen Immigranten, die auf ihre Kosten leben und die Jugendlichen zu Drogen verführen, so schnell wie möglich los werden. Die Besitzer der Restaurants, Bars und Läden hingegen leben bestens von den trinkfreudigen Besuchern.
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Aufstieg nach Beneficio. Statt nackter Hippies ein völlig überfüllter Parkplatz. Zum Ärger der ständigen Bewohner hat es sich herumgesprochen, dass man hier billig überwintern kann. Seither bauen Teilzeit-Aussteiger in Beneficio ihre farbigen Plastikzelte auf. Seit zehn Jahren wohnt hier in Zelten und Hütten eine Gruppe radikaler Naturrückkehrer ohne Strom, fliessendes Wasser und medizinische Versorgung. An einem Anschlagbrett hängen Bettelbriefe und Zettel für Heilkurse und mystische Frauenzirkel.

Der 33-jährige Andy klagt über die Geldsorgen der Kommune. Die Gemeinde wolle das Land, auf dem sie lebten, verkaufen, jetzt müssten sie schnell 30.000 Euro auftreiben. Ein Problem, denn keiner der dreihundert Bewohner hat einen festen Job. Nach drei Monaten sind erst 1.478 Euro beisammen. Keiner fragt sich, ob die Gemeinde ihnen das Land eigentlich verkaufen will. Andy, seit einem Jahr in Beneficio, ist begeistert von der Idee, Landbesitzer zu werden. Seine feuchte Hütte hat er von einem Kollegen geschenkt bekommen. Der gelernte Koch, der sich als Künstler bezeichnet, verkauft angemaltes Ziegenhorn als Glücksbringer. Er selber hatte das Pech, sich beim Zersägen eines Baumes einen Finger abzureissen. Glück andrerseits, dass ihm der Finger in einem spanischen Spital auf Staatskosten wieder angenäht werden konnte. Die Behandlung zehrte dennoch seine letzten 400 Euro auf. Mit dem Verband, dem wuchernden Bart und dem Bürstenschnitt sieht der Deutsche aus wie ein geschlagener Krieger.

Hepatitis für alle
Andy, der «die positiven Energien des Platzes spürt», hat in Beneficio «einen Lebensstopp eingeschaltet». Er ist auf dem richtigen Weg. Ganz anders als die anderen Talbewohner: die Spanier im Dorf, die zur Natur keine Sorge tragen, und die Engländer weiter unten in ihren Bussen, die sogar Fleisch essen und im Supermarkt einkaufen. Neben dem Herd, auf dem er Tee kocht und Brot bäckt, liegt ein Buch über europäische Kommunen.

Die 28-jährige Mireille betrachtet das Leben am Rande der Zivilisation nüchtern: «Beneficio ist wie ein Sanatorium ohne Pfleger, ein Sanatorium, in dem jeder Arzt sein will.» Die Lebensumstände hätten sie hierher geführt, erzählt die Bernerin. Mit dem 57-jährigen David und der zweijährigen Tochter Cascade wohnt sie in einem Zelt aus Ästen und Tüchern auf ein paar Teppichen und Matratzen. «Hier musst du den Kopf auf den Schultern behalten, sonst fliegst du weg», ist ihr Lieblingssatz.

Strom, Fotoapparate und Hunde sind unerwünscht. Nur gegen unliebsame Mitbewohner hat die Gemeinde noch kein Gesetz erlassen. Vor kurzem hat einer, der nicht mehr von seinem Trip herunterkam, einen halben Wald niedergebrannt. Die Kommune teilt alles, auch die Krankheiten. Mireille war eine der Ersten, deren Gesicht sich im letzten Sommer gelb verfärbte. Danach erwischte die Hepatitis alle andern.

Spiessig wie anderswo
«Die Leute kommen mit der Illusion, sie könnten ihr verkrachtes Leben hinter sich lassen. Aber in Beneficio ist es spiessig wie überall.» Eigentlich möchte Mireille weiter. Doch vorläufig schmeisst sie im Zelt noch den Haushalt. Sie kocht für die ganze Runde Tee, füttert ihre Tochter und dreht Joints. David, ein Schotte, der sein halbes Leben in Indien verbracht hat, und mit sechs Frauen neun Kinder zeugte, lässt sich bedienen. Die Schweiz habe ihm gefallen, erzählt er, nur mit den Universitäten sei er nicht einverstanden, weil sie ihn trotz seiner Talente als Heiler abgelehnt hätten.

In der Ecke steht ein kleiner Altar, darauf Fotos eines schnauzbärtigen Inders, sein spiritueller Führer. Räucherstäbchen, eine Statue von Shiva. Ist das hier eine Hippie-Kommune? David schüttelt den Kopf, sagt, die Hippies seien seit 1974 tot. «Die Leute hier oben sind New-Age-People. Sie glauben, sie seien Gott.» Mireille wäscht das Geschirr in einem Becken auf dem staubigen Teppich, die Sonne brennt, ihre Tochter quengelt. Ist das nicht eher ein Überleben als ein Leben? «Das frage ich mich auch jeden Tag», sagt sie lachend. «Es ist ein Versuch, mit nichts auszukommen, es ist unsere Solidarität mit den noch Ärmeren auf dieser Welt.»

Oben am Sonnenhang wohnen die Sesshaften, die dauerhaft Gestrandeten: Deutsche, Schweizer und Franzosen. Die Blumenbeete vor den Behausungen erinnern an Chalets im Berner Oberland. Hier hat die Ordnung das Chaos besiegt. Klare Grenzen trennen die Grundstücke. Vor einem der Zelte sitzt eine junge Frau, in Tücher gewickelt, einen Säugling im Arm. Ihr graubärtiger Mann hockt weiter oben im Gemeinschaftszelt, trinkt Tee, raucht einen Joint. Es ist, wie es immer war. Blumen blühen, ein Wasserfall rauscht. Nur wo sind die Hippies, die nackt in den Bäumen klettern? Selbst die Kinder wälzen sich in Kleidern auf dem Waldboden. Wie sagte doch Mireille? «Es gab eine Zeit, als sie nackt herumliefen. Doch dann nahm einer das Weib des andern, und sie verhüllten sich voreinander.» Das Paradies, so scheint es, ist für den Menschen nicht geschaffen. Marc Lustenberger/weltwoche.ch

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Ein Gedanke zu „hippie-invasion hier in andalusien

  1. Hi,
    ich bin`s nur PJP oder richtig Jürgen.
    Alter Hippie aus Berufung, Tierfreund und spiel auch noch gerne alten schönen Blues.

    Ich habe auch eine imehladresse. Kannste mir bitte mal kurz schreiben? Es gibt noch einige Fragen.
    See you later
    Jürgen aus Loy

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