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Mensch Gottfried – Ein Aussteiger in Deutschland

Regelmäßig fährt Gottfried mit dem Rad zum Tango-Abend. Die Paare duften nach Deo und Parfüm, Bauer Gottfried riecht nach Gottfried und Natur. Manche Frauen würden gerne mit ihm tanzen. Doch Gottfried weigert sich, nach Essenzen zu riechen – und Schuhe braucht er ebenso wenig. Gottfried lebt auf einem Hof in Niedersachsen. Der 57-Jährige ist Selbstversorger wie die Menschen vor Jahrhunderten. Seine Kleidung wäscht er mit Bachwasser und Asche. Sein Geschirr leckt er ab, anschließend spült er es in einer Regenwasser-Molkemischung. Er verzichtet auf fließend Wasser, statt einem WC benutzt er einen Blecheimer. Gottfried lebt so, wie er es für natürlich hält und ist stolz darauf, dass es ihm gelingt, in einem funktionierenden Kreislauf zu leben – mit nicht mehr als drei Liter Abwasser täglich. Das alles hat aber auch einen Preis und schafft Konflikte. Es gibt nicht viele Menschen, die gerne bei Gottfried essen. Für häufigere Besuche würde er aber sein Spülsystem niemals aufgeben. Er zahlt den Preis der selbstbestimmten Ausgrenzung aus Überzeugung. Es geht nicht um Romantik. Nach Gottfrieds Ansicht verbrauchen die Menschen zu viel Wasser. Das macht ihn traurig und wütend. Der Realist in ihm weiß, dass er die Menschen nicht ändern kann. Er kann aber seinen eigenen Vorstellungen treu sein. Nichts anderes tut er, dies aber ziemlich konsequent. Vor einigen Jahren sind seine Frau und die beiden jüngsten Söhne Piet (17) und Jelle (15) ausgezogen. Sie wollten anders leben. Geblieben sind 12 Hühner, eine Ziege, eine Kuh, ein Rind, ein Bullenkalb, 19 Schafe und eine Katze. Gottfried will ohne Geräte auskommen, die Strom oder Diesel verbrauchen. Seine Kühe sind wohl die einzigen in Deutschland, die handgemähtes Heu bekommen. Er lebt so ursprünglich, weil er, wie er sagt, dann mit sich im Reinen ist und nur so seinen Kindern ein Vorbild und ein guter Vater sein kann. Der Kontakt zu den Kindern ist auch nach der Trennung der Eltern intensiv und herzlich. Seine Söhne bewundern die Lebensweise ihres Vaters, auch wenn sie selbst anders leben möchten. Gottfried und seine Welt, die urtümlicher mitten in Deutschland heute kaum sein könnte.

Leben im Einklang mit der Natur: ZDF-Reihe “37°” porträtiert einen Aussteiger in Deutschland
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Bauer Gottfried mag es direkt. “Ich pisse in einen weißen Eimer und scheiße in einen Blecheimer mit blauem Rand.” Er spricht solche Sätze unverblümt, ein 57-jähriger, kleiner, drahtiger Mann, der irgendwo bei Osnabrück lebt, in der Natur und vor allem mit ihr. Gottfried ist Selbstversorger, hat seinen Lebenswandel “radikalisiert”, wie er es nennt.

Kein Klo, kein Strom, kein Plastik, kein fließend Wasser, also aus der Leitung, im Bach natürlich schon. Und weil der manchmal beinahe versiegt, das Grundwasser stetig sinkt, und das nur einer der vielen Umweltschäden ist, die der moderne Mensch mit seinen Wasch-, Spül- und sonstigen Maschinen verbrochen hat, ist Gottfried ziemlich sauer.

Gregor Bialas hat ihn in seiner weitgehend autarken Abgeschiedenheit besucht. Auf seinem Bauernhof mit fünf Hektar Feld, 4,5 Hektar Wald, der Ziege, dem Rind, der Kuh, dem Bullenkalb, 19 Hühnern, zwölf Schafen und der Katze, sowie den zwei Eimern, die eine Toilette mit Spülung ersetzen. Bialas hat Gottfried mehrere Monate begleitet und ein urtümliches Leben aufgenommen, was mitten in Deutschland nicht ganz einfach scheint.

Herausgekommen ist eine wunderbar skurrile, direkte, witzige und manchmal nachdenklich stimmende Dokumentation, welche das ZDF in ihrem Reportagen-Format “37 Grad” ausstrahlte: “Mensch Gottfried”.

Aufprall zweier Welten

Bereits die erste Szene zeigt, was diesen Film so besonders macht: Wild mit den Armen fuchtelnd stapft Gottfried über eine Weide, erregt sich über den immensen Wasserverbrauch der Menschen, die gewaltige Umweltverschmutzung, deutet auf einen trägen Bach. “Dieses Wasser könnte trinkbar sein”, schimpft er.

“Aber da können Sie mich doch nicht für verantwortlich machen”, sagt der Regisseur.

“Ich mache Sie aber dafür verantwortlich. (…) Weil Sie ihre Lebensweise nicht ändern wollen. Deswegen haben Sie es hier nicht verstanden. Sie wollen schöne Kuhbilder fotografieren, heititei, schönes Lämmchen, aua aua.”

“Aber jetzt mal langsam…”

“Ja!”

“Ja, ich wohne in der Stadt, da ist meine Lebensweise eine völlig andere.”

“Sag ich ja, sag ich ja! Und die hat Konsequenzen. Die hat Konsequenzen, dass das da trocken ist.”

Gottfried zeigt energisch auf einen leeren Brunnen. Er blickt direkt in die Kamera, spricht zum Regisseur, Bialas muss sich rechtfertigen, für seine, unsere, verschwenderische Lebensweise.

Bauer Gottfried wollte nicht, dass Bialas mit einem Team anreist. Der Regisseur ist allein, führt Kamera und Interview zugleich, deshalb kommen die Bilder nicht immer aus der schönsten Perspektive, wackelt es manchmal, könnte der Ton besser sein. Aber dafür entsteht Intimität, eine feindlichfreundliche Atmosphäre wächst heran, in der die passive Beobachtung zum aktiven Dialog gedeiht.

Der Film lebt vom Aufeinanderprall dieser zwei Welten: Gottfried, der Aussteiger, und Bialas, der Stadtmensch, der den Geruch kaum erträgt, wenn Gottfried ein Schaf ausnimmt. Der partout nicht den ausgekochten Kopf probieren will, während Gottfried in einem großen dampfenden Topf sein “Kesselfleisch” zubereitet, das samt Wirsinggemüse, Kartoffeln und Kastanien seine Versorgung für den Winter darstellt.

Das Geschirr leckt Gottfried gründlich ab

Gottfried ist stolz darauf, dass es ihm gelingt, in einem funktionierenden Kreislauf zu leben, im Reinen mit sich und seiner Umwelt. Nicht mehr als drei Liter Abwasser produziert er täglich und er zeigt gerne, wie er das schafft: Sein Geschirr leckt er gründlich ab, dann spült er es in einem (schwarzen) Eimer, in einer Mischung aus Regenwasser und Molke. Seine Kleidung wäscht er im Bach, statt Waschpulver benutzt er Asche, aber das kommt nicht allzu häufig vor, denn: Gottfried hat mit Säen, Ernten, Gießen, Mähen, Schlachten, Kochen, Tiere füttern viel zu tun, muss daher alle Hausarbeiten aufs Nötigste reduzieren und das führt dazu, dass er seine Klamotten eben nur selten reinigt.

“Sie waschen wahrscheinlich Ihre Unterhose jeden Tag”, versetzt Gottfried dem Regisseur wieder mal einen kleinen Seitenhieb. Seine habe er das letzte Mal vor 14 Tagen gewechselt, erklärt er. “Ich habe immer eine Serviette in der Tasche, um meinen Pimmel abzutupfen, damit keine Tropfen in die Hose gehen”, spricht Gottfried und zieht ein zerknülltes Tempo aus der Hose.

“Ich kann Ihnen meine Unterhose geben, wollen Sie die vielleicht auch abfotografieren?”

“Ne Danke”, erwidert Bialas trotzig.

Der Bauer beim Salsa-Tanz

Und so frotzeln sich die beiden weiter durch heitere Szenen, die Gottfried zwar als skurrilen Kauz markieren, aber nie ins Bloßstellerische abgleiten. Bialas widersteht der oberflächlichen Versuchung, Gottfried als Freak abzustempeln, ihn aus der sicheren Position hinter der Kamera als Spinner vorzuführen. Vielmehr muss der Regisseur nun immer öfter mit ins Bild, Äpfel pflücken, Heu mähen. Schließlich lässt er sich von Gottfried sogar zum Essen einladen, putzt seinen Löffel allerdings am Hemd ab, verzieht das Gesicht und mag seinen Teller nicht aufessen.

Gottfried nimmt das fast väterlich gelassen und leicht amüsiert hin. Spätestens hier verwischt die Grenze zwischen Protagonist und Produzent, stellt sich die Frage, wer hier eigentlich wen vorführt.

Es sind die kleinen, manchmal zu kurz geratenen Szenen, die Gottfrieds Charakter die nötige Tiefenschärfe verleihen. Der Bauer beim Salsa-Tanz: Es hat etwas Rührendes, wie Gottfried im schwarzem Achselshirt das seine sehnigen Muskeln zeigt, sich mit geschlossenen Augen ganz vertieft zur Musik bewegt – allein zwischen all den anderen Paaren. Manche Frauen würden wohl gerne mit ihm tanzen, doch Gottfried trägt kein Deo und kein Parfüm, riecht nach Molke und Kesselfleisch, und schicke Schuhe weigert er sich auch zu tragen.

Seine Söhne (17 und 15) besuchen, lieben und verehren ihn, auch das zeigt der Film, aber sie wollen anders leben. Mit Facebook, Wachmaschine, Fernsehen. Frau und Kinder zogen vor einigen Jahren aus. Freunde kommen auch nicht mehr, sie mögen sein Essen nicht, und dass er sein Geschirr “nicht richtig” spült.

In einer Szene steht Gottfried in einer Felljacke im alten Kinderzimmer, schaut auf die leeren, noch bezogenen Betten, und spielt eine melancholische Melodie auf seiner Gitarre.

Der Aussteiger lebt nach seinen eigenen Wertvorstellungen, die seine Mitmenschen nicht teilen wollen. Damit hat er sich abgefunden, aber es macht ihn traurig und ein wenig einsam. Doch seine Prinzipien würde er niemals aufgeben. Man kann das egoistisch nennen, verrückt oder konsequent. Der Film zeigt jede dieser Perspektiven. Genau das macht ihn nachhaltig und gut: Er lässt uns mit der Frage zurück, wer nun das bessere Leben führt und wer hier eigentlich derjenige ist, der spinnt: Gottfried, oder wir?

Ein Gedanke zu „mensch gottfried

  1. Ich glaube nicht, dass es viele Menschen gibt, die freiwillig so leben möchten. Wahrscheinlich ist das in dieser letzten Konsequenz auch nicht nötig. Wir müssten alle nur achtsamer mit unserer Umwelt umgehen. Das setzt aber erst einmal voraus, dass Mensch lernt, eigenständig zu denken.

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