lieber freiheit statt bürgertum

Vom Aussteigen träumen viele. In etlichen Fernsehsendungen erleben wir mit, wie gut oder schlecht es denen geht, die es tatsächlich wagen. Doch was treibt diejenigen an, die es in aller Stille tun? Jan Grossarth wollte es wissen, lebte drei Monate mit Aussteigern und hielt seine Erfahrungen in einem Buch fest. Vom Aussteigen und Ankommen Der Pole Pawel Jósef (29) nennt sich nur noch Elf Pavlik, lebt seit zwei Jahren ohne Geld und ernährt sich von dem, was er in den Müllcontainern von Supermärkten findet. Ist er verrückt? Der ehemalige Polizist Silvio Roßberg und seine Frau Catrin wollen auf einem Gehöft in Thüringen ins Mittelalter zurückkehren. Spinner? Eine Gemeinschaft im Piemont hat sich eine eigene Währung geschaffen, ein eigenes politisches und ein eigenes Rechtssystem. Sie hat ein eigenes Katastrophenhilfswerk, eigene Schulen, eine eigene Zeitrechnung, eigene religiöse Riten und einen eigenen Tempel. Eine „irre Psychosekte“, wie die „Bild“ schreibt?

Wer der bürgerlichen Welt den Rücken kehrt, wer einfach leben will und selbstbestimmt, wer anders denkt, der wird von denen, die zurückbleiben, schnell als weltfremd abgetan, als fanatisch, faul oder wahnsinnig. Aber warum? Aus Angst vor diesem Anderssein? Oder aus Eifersucht, weil diesen Menschen Wohlstand und Macht nichts bedeutet? Und wer sind diese Andersdenkenden, die Missachtung von Nachbarn, Freunden, vielleicht der eigenen Familie in Kauf nehmen, um nach ihren Idealen zu leben?

Der Wirtschaftsjournalist Jan Grossarth wollte es wissen – und ist selber ausgestiegen. Allerdings nur auf Zeit. Für drei Monate hängte er seinen Job in der Redaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ an den Nagel, kündigte seine Krankenversicherung und reiste zu denen, die sich gegen ein bürgerliches Leben entschieden haben. Zu „Menschen, die ein einfaches Leben wagen“, wie es im Untertitel seines Buches „Vom Aussteigen & Ankommen“ heißt.

Geleitet wurde der Autor dabei von Foucault, der in seinem Werk „Wahnsinn und Gesellschaft“ schrieb: „Dass die selbst ernannten Vernünftigen denen nicht mehr ernsthaft zuhören, die sie als verrückt bezeichnen, kann beiden nicht weiterhelfen und der Wahrheit nicht dienen.“ Und so hört Grossarth denen zu, denen sonst vielleicht keiner zuhören will.

Der selbst ernannte Elf war einmal Programmierer

Dem selbst ernannten Elfen zum Beispiel, der in seinem früheren Leben Programmierer war. Ohne Geld zu leben und das zu essen, was andere wegschmeißen, findet der Elf korrekt. Weil er auf diese Weise die Nachfrage nach konventionellen Lebensmitteln nicht erhöht – und somit auch nicht deren Produktion. Der Elf sagt: „Ich glaube, dass ich kein Suchender mehr bin, sondern schon sehr viel gefunden habe.“

Oder dem Waldmensch vom Westerwald. Seit mehr als acht Jahren lebt er allein in einem Bauwagen, duscht nur zwei- oder dreimal im Jahr und will, außer durch die Natur, durch nichts mehr bestimmt werden. „Ich bin Einsteiger“, sagt der Waldmensch. „Der, der Fortschritt produziert. Mit minimalem Energieaufwand auskommt. Das ist Zukunft.“

Insgesamt hat Grossarth an 13 Orten haltgemacht. In Deutschland, Italien und der Schweiz lässt er sich ein auf immer neue, immer wieder interessante Ideen vom alternativen Leben.

Da ist der ehemalige Richter aus der Schweiz, der teure Kleidung und teures Essen gegen ein karges Leben bei den Jesuiten in Nürnberg getauscht hat. Oder Sabine und Thomas. Als nach der Wende „alle dem Geld hinterherliefen“, flohen sie aus Ostberlin auf einen alten Hof und gehören seither einem Tauschring an. Da gibt einer Gemüse, ein anderer hilft bei der Ernte. Da bietet einer Brot, ein anderer Fleisch, wieder andere Reiturlaub, holzgeschnitzte Löffel und Messer, Sprachkurse oder Bauarbeiten. Den Preis der Dinge bestimmen dort nicht Angebot und Nachfrage, sondern die eingesetzte Arbeitszeit. Zwölf Uckertaler haben einen Wert von einer Stunde Arbeit.

Es ist eine wunderbar erkenntnisreiche Reportagereise, auf die Jan Grossarth seine Leser mitnimmt. Voll kluger, kauziger, engstirniger oder wohltuender Stimmen. Einige wird man – wie der Autor – sicher hinterfragen, manche vielleicht auch ablehnen. Doch auch wenn man am Ende des Buches vielleicht nichts findet, für das man seine eigene Lebensform verlassen würde, so bringt es einen doch immer wieder zum Grübeln über diese. Wie Jan Grossarth, der nach seiner Reise feststellt, „dass die bürgerliche Welt genauso verrückt, normal oder vernünftig ist wie die Lebenswelten von Menschen, die Bürger als verrückt bezeichnen“. quelle: manager-magazin.de

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Ein Gedanke zu „lieber freiheit statt bürgertum

  1. So, das Buch habe ich bei meinem Buchhändler bestellt. Wahrscheinlich macht er sich langsam Gedanken darüber, eine Stammkundin zu verlieren. Das letzte Buch, das ich bei ihm bestellt, heißt: „Von einer die raus zog“ von Hilal Sezgin.

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